Weiter so?

Wie das passieren konnte

von Roland Seidelt

Viele fragen sich nach der Bundestagswahl ernsthaft: Wie konnte das passieren?

Dabei ist die Antwort doch ganz einfach. Wer in den letzten Jahren die Stimmung in der Bevölkerung wirklich reflektiert und sie sich nicht nach seinen eigenen Träumen und Wünschen zurechtgebogen hat, der ist jetzt auch nicht überrascht.

Wie sieht denn der deutsche Medien- und Politikbetrieb mittlerweile aus:

Selbst in den Nachrichtensendungen der öffentlichen Anstalten wird nicht mehr berichtet, sondern fast nur noch kommentiert. Nachrichtensprecher vom Schlage eines Günter Kleber formulieren mittlerweile fast zu jeder Meldung ihre persönlich Meinung. Interviews mit Politikern außerhalb der vermeintlich „politisch korrekten Mitte“ haben fast schon inquisitorischen Stil. Beleidigungen inbegriffen. Berichte über Flüchtlinge, über Russland, die USA, Griechenland, Libyen, Syrien und die Ukraine sind oft zu leicht erkennbar tendenziell. Eine Gegenrede findet entweder nicht statt oder sie ist kaum wahrnehmbar. Doch viele Menschen registrieren das. Nur: Sie teilen ihren Unmut nicht den zahllosen Meinungsforschungsinstituten mit. Sie zeigen ihn demonstrativ auf dem Wahlzettel.

Eine zunehmend große Gefahr in unserer Mediengesellschaft ist auch: Moderatoren mit Millionengehältern lancieren Produkte ihrer eigenen Mediengruppe in die vom Steuerzahler finanzierten Sendeanstalten und platzieren sie zur besten Sendezeit. Wirkliches Bildungsfernsehen ist in Spartenkanäle verbannt oder beginnt erst nach Mitternacht.

Die Auswahl der Gast-Politiker erfolgt in solchen Sendungen nach dem immer gleichen Strickmuster, genau wie bei Let`s Dance: Eine Krawallnudel – hier meist aus Bayern oder von der AfD – ist immer dabei und sorgt für Einschaltquoten.

Angesichts der Prognosen war von diesen Typen vor der Wahl unisono zu hören: Wir müssen unsere gute Politik dem Wähler nur besser erklären! Selbst Wähler mit Realschulabschluss mussten daraus für sich schlussfolgern: Die glauben tatsächlich, wir sind einfach nur zu blöd die zu verstehen.

Nach der Wahl schallt es jetzt aus dem gleichen Chor: Wir müssen besser zuhören!

Fragt sich nur, wer diesem neuen Slogan überhaupt noch Glauben schenkt oder sich nicht fragt: Wer will mir jetzt plötzlich zuhören. Doch nicht etwa die Art von Politikern, die ihren Wahlkreis längst als lästiges Übel betrachten und fast jedem Wahlausgang gelassen entgegensehen, weil sie sich aufgrund ihrer herausragenden Fähigkeiten bereits über einen parteiinternen Listenplatz für die nächste Wahlperiode abgesichert haben. Oder etwa die Berliner Spitzenfunktionäre, die sofort nach der Wahl ganz tolle Vorschläge für die Besetzung von Minister- und Fraktionsposten aus der Schublade zaubern? Wäre insbesondere bei den Wahlverlierern da nicht etwas mehr Demut angesagt und sollte nicht hier der schnell versprochene Neuanfang beginnen und erst einmal „zugehört“ werden?

Es gehört vieles auf den Prüfstand. Auch die Frage, ob es Deutschland gut täte, wenn es für Berufspolitiker nur maximal zwei Wahlperioden gäbe. Aber vermutlich geht es weiter so.

Wie in der Weimarer Republik. Der Ausgang ist bekannt.

Roland Seidelt (Artikelbild)
SPD-Mitglied im Zeitzer Ortsverein. Er ist Mitbegründer der SDP in Zeitz nach der Wende und war lange Jahre Vorsitzender des Ortsvereins und der SPD-Fraktion im Stadtrat Zeitz.

Über Reiner Eckel 49 Artikel
Jahrgang 53, seit 1993 Mitglied der SPD. Webzwonullenthusiast und Kolumnist auf ZeitzOnline.de

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